Zur “Ehe für alle”

Brief an die Mitglieder der Abgeordnetenversammlung zum Traktandum 10 der Synode vom 4./5. November 2020

Brief an die Mitglieder der Abgeordnetenversammlung vom 4./5.November 2019

Brief an den Ratspräsidenten Pfr. Dr. Gottfried Locher

 

Der Brief an die Abgeordneten:

Evangelisch-theologischer Pfarrverein (www.evangelischerpfarrverein.ch)
Pfr. Dr. Bernhard Rothen, Präsident
Dorf 21, 9064 Hundwil; T 071 367 12 26; pbrothen@stiftungbruderklaus.ch

 

Bern/Hundwil, 31. Oktober 2019

An die Mitglieder
der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes

 

Zum Traktandum 10 der Abgeordnetenversammlung vom 4./5. November 2019

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Geschwister im Glauben,

der Abgeordnetenversammlung ist zum Traktandum 10, „Ehe für alle“, als Entscheidungs­grundlage eine Studie der Theologen Frank Mathwig und Luca Baschera beigelegt worden. Sie behandelt Ehe, Sexualität, Elternschaft und Kindswohl aus evangelisch-reformierter Sicht. Diese Studie hebt die Diskussion auf ein neues Niveau, indem sie

-       darauf hinweist, dass „die kirchliche Diskussion über die Ehe durch Ansichten und Ansprüche belastet (wird), die sich weder aus der biblischen Botschaft noch aus dem Auftrag der Kirche ableiten lassen“. Die Kirche steht damit in der Gefahr, sich dem Mainstream oder Mehrheitsdiktat als einem fremden Herrn zu unterwerfen (3);

-       differenziert und moralinfrei die Vielfalt der biblischen Vorgaben und die wegweisenden Erkenntnisse, Prioritätensetzungen und geschichtlichen Weichenstellungen in der Reformationszeit in Erinnerung ruft;

-       die jüngste Diskussion klärend zusammenfasst mit dem Hinweis, dass sich die Konfliktlinien verschoben haben dadurch, dass neue Lebensformen Schutz unter den tradierten Ordnungen suchen (20). Anders gesagt: die sexuelle Revolution möchte sich verbürgerlichen;

-       darauf aufmerksam macht, dass die momentanen Diskussionen vorbeigehen an dem „Problem der menschlichen Existenz nach dem Sündenfall“, so dass es zu „einer Na­turalisierung der gefallenen Schöpfung und einer Moralisierung der Sünde“ kommt (23);

-       herausarbeitet, dass die „Ehe für alle“ in eine offensichtliche Schieflage führt im Hinblick auf das Recht auf biologisch „eigene“ Kinder. Diese Forderung muss den Kindern dasselbe Recht auf die biologisch „eigenen“ Eltern nehmen (25). Und es lässt sich nicht darlegen, weshalb man jede Partnerschaft „Ehe“ nennen, diesen gleich­berechtigten Ehen dann aber unterschiedliche Rechte im Hinblick auf Adoption und Fortpflanzungsmedizin zuteilen könnte.

Die Studie endet mit dem Fazit, dass die Entscheidung der Abgeordnetenversammlung ohne letzte Bedeutung für die vom Ordinationsgelübde gebundene Amtstätigkeit bleibt. Denn

„auch innerhalb der Kirche gilt: ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.‘ (Apg 5,29). Wer nach bestem biblisch-theologischen Wissen und Gewissen  (…)  die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare als Pfarrperson nicht teilen und vollziehen kann, mag kirchlichem Recht widersprechen, aber nicht der Bibel“ (29).

Wir fordern deshalb die Abgeordneten auf, „um Gottes Willen etwas Tapferes zu tun“: Haben Sie den Mut, dem Druck von aussen im evangelischen Sinn zu begegnen! Das „Zurück zur Bibel“ (4) macht es möglich, wie die Studie zeigt, die Gegenwart mit kritischer Distanz zu beurteilen und den Weg in die Zukunft mit innerer Freiheit zu suchen. Das erfordert eine Debatte (22), in der nicht nur Gleichgesinnte in ihren jeweiligen Gruppen miteinander reden und ihre „Prioritätensetzungen bei der Bibellektüre“ (21) mit politischer Macht als die einzig richtigen durchzusetzen versuchen.

Eine Entscheidung der Abgeordneten zur Frage der „Ehe für alle“ würde diese Debatte abwürgen, für die mit der differenzierten Studie neue Horizonte erschlossen worden sind. Es war und ist eine Stärke der reformierten Tradition, offen zu sein für neue theologische Erkenntnisse. Und es ist umgekehrt ein alarmierendes Signal, dass der Hauptverantwortliche für die Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer im Konkordat bereits jetzt in einem Facebook-Post die Frage in den Raum stellt, ob nicht jungen Theologen, die Kritik an der „Ehe für alle“ äussern, zukünftig der Zugang zum Dienst in unseren Kirchen zu verweigern sei.

Mit dem Wunsch um ein gesegnetes Beraten und ein verheissungsvolles Entscheiden an der Abgeordnetenversammlung grüssen wir Sie freundlich

Bernhard Rothen

und Mitunterzeichnende

Der Vereinsvorstand:
Pfrn. Andrea Allemann, Unterentfelden
Pfr. Elias Henny, Dürrenroth
Pfr. Christoph Vischer, Vechigen
Pfr. Gian-Carlo Voellmy, Linden*
Pfr. Johannes Zimmermann, Grindelwald

und
Pfr. Werner Ammeter, Kirchberg
Pfr. Dr. Franz Christ, Basel
VDM Jochanan Hesse, Buchen
Pfr. Markus Grieder, Urnäsch
Pfr. Erwin Grossenbacher, Sumiswald
Pfr. Claudio Jegher, Interlaken
Pfr. Fritz Keller, Riehen*
Pfrn. Dr. theol. Sr. Doris Kellerhals, Riehen
Pfr. Richard Kölliker, Schaffhausen
Pfr. Dr. Peter Lauber, Buchen*
Pfr. Bruno Leugger, Spiegel b. Bern
Pfr. Michael Lotz, Appenzell*
Pfr. David Mägli, Lotzwil
Pfr. Dietmar Metzger, Gais
Pfr. Immanuel Nufer, Wetzikon*
Pfr. Andreas Rade, Chur
Pfr. Jörg Rytz, Bern
Pfr. Peter Ruch, Küssnacht am Rigi
Pfr. Christoph Rudin, Bülach*
Pfr. David Scherler, Effretikon
Pfr. Christoph Schwarz, Unterentfelden
Pfr. Prof. Dr. theol. Armin Sierszyn, Bäretswil*
Pfr. Florian Sonderegger, Pany*
Pfr. Franco Sorbara, Zürich-Hirzenbach
Pfrn. Dr. Christine Stuber, Wettingen
Pfr. Matthias Walder-Mäder, Hinwil*
Pfr. Daniel Wieland, Chur*

* Diese Kollegen haben auch die Erklärung „Habt ihr nicht gelesen…“ (www.mt194.ch)  unterzeichnet.

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